Geschichte und Grundsätze der Arbeitersportbewegung – Nachtrag zum Rundgang im Rahmen der Arbeitersporttage 2026
Im Rahmen der vom Arbeitersport Leipzig organisierten Arbeitersporttage luden wir Interessierte zu einem Rundgang über das ehemalige Gelände der Deutschen Hochschule für Körperkultur ein. Wir sprachen über die grundsätzliche Verankerung des Sportes in der Arbeiterbewegung und seine Entwicklung über die Zeit. Im Wesentlichen ähnelten die Inhalte (bis auf einen ausführlicheren Teil zum DDR-Sport) einem bereits durchgeführten Vortrag und können hier nachgelesen werden: https://arbeitersport.blogspot.com/2023/11/vortrag-zur-geschichte-des.html
Da unter den Teilnehmern viele Sportler waren, die sich nicht nur aus historischem Interesse für den Arbeitersport interessieren, sondern seine Grundsätze verstehen und für heute anwenden wollten, widmeten wir uns dieser Thematik intensiver. Aus den historischen Erfahrungen erarbeiteten wir dafür „Thesen zum Arbeitersport“, die wir während des Rundgangs zur Diskussion stellten und auch hier darlegen wollen:
1. Sport hat immer Klassencharakter: Sport ist keine neutrale Freizeitgestaltung, sondern Ausdruck von Klassenverhältnissen. Auch im Kapitalismus ist er gesellschaftlich bestimmt. Für den bürgerlichen Sport bedeutet dies: Individualismus, Verwertungslogik, Konkurrenz, Leistungszwang und Körperkult.
2. Arbeitersport ist organisierte Form proletarischer Selbsttätigkeit: Arbeitersport ist nicht „Sport für Arbeiter“, sondern bewusste kollektive Praxis der Arbeiterklasse. Durch die Arbeits- und Ausbeutungsbedingungen entsteht die Notwendigkeit körperlicher und geistiger Gesunderhaltung und das Bedürfnis nach solidarischer Gemeinschaft. Die historischen Erfahrungen zeigen, dass diese nur durch Organisation zu schützen ist. Daher ist Arbeitersport Teil der Selbstorganisation der Arbeiterklasse.
3. Arbeitersport bricht mit bürgerlicher Individual- und Konkurrenzlogik: Während der bürgerliche Sport das isolierte Leistungsindividuum hervorbringt, zielt der Arbeitersport auf kollektive Stärke, solidarische Disziplin und gemeinsames Handeln.
4. Arbeitersport ist bewusst organisiert und keine zufällige Bewegung: Er ist keine lose Ansammlung von Individuen, die zufällig gemeinsam trainieren. Er beruht auf verbindlicher Organisation, kollektiver Verantwortung, gemeinsamer Zielsetzung.
5. Arbeitersport ist außerbetriebliche Form der Klassenorganisation: Er organisiert die Arbeiterklasse jenseits des unmittelbaren Produktionsprozesses. Er stärkt körperliche Widerstandsfähigkeit, solidarische Bindung, sowie politische Handlungsfähigkeit. Er ist dabei nicht Ersatz für Partei und Gewerkschaft, sondern Teil ihrer Basis und Bindeglied zu unorganisierten und unpolitischen Teilen der Klasse.
Arbeitersport ist keine Freizeitgestaltung unter vielen, sondern organisierte politische Praxis. Er stärkt die Arbeiterklasse körperlich, solidarisch und politisch, und zielt dabei auf die Revolution und den Sozialismus.
Zur vertieften Beschäftigung mit den Hintergründen des historischen Arbeitersports haben wir auch nochmal den Scanner heiß laufen lassen, den wir dank einiger Spenden (https://rotes-leipzig.blogspot.com/2024/11/spendensammlung-fur-das-rote-leipzig.html) anschaffen konnten. In unserem Literaturarchiv (https://rotes-leipzig.blogspot.com/p/literatur.html) findet ihr jetzt drei Bücher, die wir jedem für ein grundlegendes Verständnis der Arbeitersportbewegung empfehlen:
• Sport und Arbeitersport – Helmut Wagner
Wagners Schrift aus dem Jahr 1931 bietet eine zeitgenössische, theoretisch fundierte Einordnung des Arbeitersports innerhalb der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung und allgemeinen Sportbewegung. Er arbeitet die sozialen, politischen und pädagogischen Unterschiede zwischen bürgerlichem Sport und proletarischer Sportkultur heraus. Besonders deutlich wird sein Anspruch, den Arbeitersport als bewusste Gegenbewegung zum bürgerlichen, nationalistischen und leistungsorientierten Sportbetrieb zu definieren. Das Werk liefert damit eine ideologische und programmatische Grundlage.
• Arbeitersport – Fritz Wildung
Wildungs Darstellung von 1930 ist stärker organisatorisch und praxisbezogen ausgerichtet. Als führender Funktionär der Zentralkommission für Arbeitersport und Körperpflege schildert Wildung die Entwicklung der Arbeitersportorganisationen, ihre Strukturen, Ziele und internationalen Verbindungen. Dabei wird der Arbeitersport als Teil der Arbeiterbewegung verstanden – eng verknüpft mit Bildungsarbeit, Solidarität und politischem Bewusstsein. Das Werk ergänzt Wagner, indem es weniger theoretisch argumentiert, sondern konkrete Aufbauarbeit und Bewegungsgeschichte dokumentiert.
• Illustrierte Geschichte des Arbeitersports – Hans Joachim Teichler und Gerhard Hauk (Hrsg.)
Die 1987 erschienene, reich bebilderte Gesamtdarstellung ordnet den Arbeitersport aus historischer Distanz ein. Sie verbindet wissenschaftliche Analyse mit umfangreichem Bildmaterial und zeichnet die Entwicklung von den Anfängen im 19. Jahrhundert über die Blütezeit in der Weimarer Republik bis zur Zerschlagung 1933 und zu späteren Traditionslinien nach. Im Unterschied zu den beiden zeitgenössischen Schriften reflektiert dieses Werk auch Brüche, Widersprüche und langfristige Wirkungen.
In unserem Literaturarchiv findet ihr weitere zeitgenössische Materialien wie die Festschriften zu den Internationalen Arbeiterolympiaden oder verschiedene Ausgaben der Zeitschrift Proletariersport. Es gibt außerdem viele weitere spannende Informationen z.B. unter https://www.arbeiterfussball.de/ oder beim Abtauchen in die Schriften ehemaliger Arbeitersportfunktionäre oder in wissenschaftliche Arbeiten der ehemaligen DHfK, die bis heute in der Deutschen Nationalbibliothek zu finden sind.
Wir freuen uns, dass der Arbeitersport Leipzig mit den Arbeitersporttagen erneut Anlass zur Auseinandersetzung mit der Thematik gegeben hat und wünschen allen Arbeitersportlern viel Erfolg beim Wiederaufbau einer klassenkämpferischen Sportkultur!
